Reisebericht: Sonnengruß am Ufer des Ganges 

Namasté, das Göttliche in mir grüßt das Göttliche in dir. So werden wir im Yoga & Nature Cure Centre in der Welthauptstadt des Yoga, in Rishikesh am Ganges von Dr. Sharma und Dr. Manju empfangen. Bei strahlendem Sonnenschein, Blütenpracht im Ashramgarten, Blick auf die Vorgebirge des Himalaja und dem leckeren Essen mit Salat, Reis, Gemüse, Dal (Linsensuppe) und Chapatis (indische Fladenbrote) sind die Strapazen der  Anreise schon fast vergessen. Selbst die wilde aber sichere Taxifahrt vom Indira Gandhi International Airport in Delhi, vorbei an mit Zuckerrohr vollbeladenen Ochsenkarren, LKW der indischen Eigenmarke Tata Motors, den Mopeds, auf denen ganze Familien Platz nehmen und den Frauen, die Kuhfladen zum Trocknen als Heizmaterial aufschichten. Unsere Zimmer sind für europäische Verhältnisse sehr einfach eingerichtet. Immerhin hat jede von uns ihr eigenes Bad mit kalter Dusche und Ausblick auf den Ashramrasen, auf dem die in Orange gekleideten Sanskrit-Schüler, die "Rishikumars", die abends so schön am Gangesufer zur Ganga Arti, dem Sonnenuntergangsritual, singen und mittags im Schatten unseres Gebäudes Cricket und Fangen spielen. Bis zum Nachmittags-Chai bleibt noch Zeit für einen ersten Rundgang durch den Basar entlang des Ganges und unser Erstaunen darüber, dass die schönsten Tücher für wenige hundert Rupien zu haben sind, (100 Rupien = knapp zwei Euro).  Abends besuchen wir im Ashram ein indisches Konzert. Plätze auf dem Boden des Gebäudes, in dem sich sonst die Sanskritschüler in die heiligen Schriften und normalen Schulstoff vertiefen, gibt es genug. Die Ärztin Dr. Manju bespricht mit uns die Yoga- und Massagezeiten und dann können wir auf der Dachterrasse relaxen. Für die meisten Ashrambewohner beginnt der Tag schon um 4 Uhr früh. Zu der Zeit sind aus den Tempeln die ersten Mantragesänge zum Sonnenaufgang zu hören. Wir werden erst gegen 7 Uhr mit einer Tasse Tee geweckt - rechtzeitig zur "Yogaclass", die vor uns schon die Studenten und danach die Patienten absolviert haben.

Mit "Surya Namaskar", dem Sonnengruß, beginnt unsere Yogastunde. Den bekommen wir zunächst einmal von unserem charismatischen Yogalehrer Bhanu  in perfekter Körperhaltung vorgeführt Für die Asanas übernimmt ein Student die Demonstration. "Please take position for Cobra-pose", fordert Bhanu uns auf. Es tut richtig gut, so diszipliniert Yoga zu praktizieren. Pranayama (Atemübungen) schließen sich an. Dann sind wir voller Energie für diesen Tag und dürfen uns zudem nachmittags bei indischer Entspannungsmusik in der Meditationsstunde noch an einem Fantasie-Flug entlang der Himalaja-Berge erfreuen. "Die Meditation ist das Wichtigste", sagt Yoga-Lehrer Bhanu, der sein Studium an der "Dev Sanskrit Vishwavidyalaya" in Haridwar absolviert hat. 56 Yoga-Asanas (Körperhaltungen) lernen die Studenten bei ihm im Jahres-Diplomen. Dazu kommen die Kriyas (Reinigungstechniken), Pranayama, Meditation, Philosophie des Ashtanga-Yoga nach Patanjali. Auch mit anderen natürlichen Heilmethoden müssen sich die Studenten auskennen: Massage, Diät, Wassertherapie, Heilerde, Farbtherapie, Sonnenbad. So werden mit Yogatherapie chronische Krankheiten therapiert, von Asthma und Diabetes bis hin zum Bandscheibenvorfall.

Zum Frühstück gibt es Gemüse-Pfannkuchen, nach der Verdauungspause geht es weiter zur Ölmassage. Das mitgebrachte Frotteelaken über die Liege gespannt und erneut ist Erholung pur angesagt. Mit einem ayurvedischen Öl massieren Lakshmi und Shakuntala Beine, Arme, Bauch und Rücken - den Abschluss bildet die "Headmassage". Wer will, kann hier auch eine Panchakarma-Kur (ayurvedische Reinigungskur) machen. Wohlig-warm und optimal durchblutet kann nun in Ruhe das Mittagessen abgewartet werden - und die Siesta danach.

Beim Spaziergang entdecken wir die kleinen Häuschen am Strand, in denen viele Yogis wohnen. Solche, die auch die Marihuana-Pflänzchen in ihrem Garten benutzen und die vielen richtigen spirituellen Meister, die die Verbindung zum Universum durch Meditation anstreben. Wenig Besitz haben sie alle. Manche Sadhus, die "Naga Babas" tragen nicht einmal Kleidung. Einzig mit Asche eingerieben kommen sie alle paar Jahre zur Kumbh Mela, einem besonderen hinduistischen Fest, aus ihren Höhlen im Himalaja zum Ganges herunter. An einem besonderen Neumond- Tag war in diesem Jahr ein heiliges Bad im Ganges angesagt. Die Nagababas gründsätzlich nackt, Frauen behalten auch beim heiligen Bad ihre Kleider an. Auch wir schließen uns diesem Ritual der vielen Pilger an. Schließlich ist das Gangeswasser in Rishikesh noch sauber, weil es direkt aus dem Himalaja kommt.

Ein Rikschafahrer möchte von uns 50 Rupien haben, obwohl der normale Fahrpreis für uns vier nur 16 wäre. Da gehen wir lieber zu Fuß. Ein Glück, denn so treffen wir einen ehemaligen Yogalehrer unserer Yogalehrerin Christa Laurisch, der gerade in einem Hotel seinen Yogaraum ausbauen lässt und uns zum Tee einlädt. Er war Schüler von Maharishi Mahesh Yogi, dem Guru der Beatles. In dessen wunderschönen, aber dem Zerfall preisgegebenen Ashram, finden wir später durch einen Zufall Einlass.  Am Strand lernen wir Pushpa kennen. Und die wohnt mit ihrer Familie mit fünf Kindern in dem einstigen Prunk-Anwesen, in dem Ende der 60er Jahre die Beatles meditierten und dadurch Rishikesh im Westen bekannt machten. Der Jahrtausende alte Sitz der Weisen (Rishis = Seher), die am Himmelsfluss Ganges meditierten, ist für die Rishis der  Ausgangspunkt zu den Göttern im Himalaja (Shiva und Familie, darunter Sohn Ganesh, der Elefantengott). Das "White Album" der Beatles ist von ihrem Indien-Aufenthalt inspiriert.  Beeindruckend sind die mit Feldsteinen gemauerten Häuschen mit einer kleinen Meditationshütte auf dem Dach. Wer von dort oben weit über den Ganges und auf Rishikesh blickt, weiß, dass dieser Ort zu den schönsten Flecken dieser Erde gehört.

Gern schließen wir uns abends der Ganga Arti an, dem hinduistischen Ritual mit einer Feuerzeremonie, das vor dem Parmarth Niketan Ashram besonders ausgiebig zelebriert wird. Der Dank an die Sonne, die das Leben auf der Erde ermöglicht und die gezeigte Verbundenheit mit allen Menschen wird oft von Fernsehleuten gefilmt und meist nonstop-fotografiert. Zu Abend sind wir beim Bürgermeister und seinem Bruder, dem Lehrer Vinod, eingeladen. Mit dem kann man herrlich philosophieren und wir erfahren alles über den Familientempel "Shatrughna" aus dem neunten Jahrhundert, gegründet von Adi Guru Shankaracharya, Immer wieder hören wir uns an, dass es das Wichtigste sei, im Hier und Jetzt zu leben und mit den Gedanken weder der Vergangenheit nachzuhängen, noch in die Zukunft zu schweifen. Meditation hilft dabei, den Geist unter Kontrolle zu bringen und sich nicht von ihm durch die vielen Gedanken, wie aus einem Computerprogramm, fremd steuern zu lassen. Familie und Sozialgefüge seien zudem wichtig, damit die Menschen zufrieden sind. Denn nicht Geld mache glücklich, sondern emotionale Beziehungen, erläutert uns Lehrer Vinod, Tochter Kriti (3) immer anhänglich auf dem Arm. Ob die wohl auch die vielen Sadhus haben, die nachts mit nur einer Decke am Gangesufer oder in den Ladeneingängen schlafen? Hungern jedenfalls müssen sie nicht. Ihr Essen bekommen sie täglich aus dem Ashram.

Christa erzählt uns Geschichten von einem Yogi, der seit 45 Jahren in einer Höhle, mittlerweile mit Vorbau, lebt, in die er als 14-Jähriger auf der Suche nach Gott und dem Sinn des Lebens zu seinem Meister einzog. Auch eine Deutsche, Uma Shankar, wird von den Indern als Heilige verehrt. Sie lebte lange Zeit in den Bergen und folgte dem Ziel aller Yogis: der Befreiung des Geistes und der Suche nach der Nähe Gottes - ein langer Prozess. Im Krishna-Tempel singen und tanzen die Swamis abends für ihren fröhlichen Gott, im Shivananda-Ashram unterwerfen sich ernsthaft dem spirituellen Weg Folgende einem strengen Tagesablauf. Auf Hindi hat Swami J.N. Somani seine Lebenserfahrungen zu Papier gebracht. Der 82-Jährige folgt der Bastrika-Atmung, propagiert eine Ernährungsweise von ausschließlich Frischkost und Saft und nimmt Prana, die Lebensenergie, mittlerweile direkt über die Haut auf, die trotz seines hohen Alters knackig jung aussieht.

Dr. Sharma und Dr. Manju  erläutern uns die Ausgangspunkte ihrer ganzheitlichen Behandlung. Sie gehen davon aus, dass der menschliche Körper aus den fünf Elementen Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther besteht. Leiden entstehe durch ein Ungleichgewicht. Gifte und Schlacken, die sich lange Jahre im Körper angesammelt hätten, seien die Ursache für Krankheit und Leid. Durch die Behandlung würden die Gifte aus dem Körper entfernt - durch den Darm, über die Haut, durch Lungen und Nieren. 90 bis 95 Prozent der Arthritis-Patienten könnten so geheilt werden. Diabetiker würden lernen, ohne Medikamente auszukommen, alle Patienten lernen, wie sie ihr Leben im Einklang mit der Natur führen können. Die Heilkraft zur Bewältigung der Krankheit stecke schließlich in jedem selbst. Viel zu schnell sind die zwei Wochen um. Nur gut, dass ich mir das Yogaprogramm kopiert habe und nun täglich um 6 Uhr für eine Stunde mein Urlaubsyoga weiterpraktizieren kann.

 Susanna Fofana (für den Inhalt der Reisebeschreibungen sind die namentlich genannten Autoren verantwortlich)

 

Reisebericht: Zur Quelle des Ganges

Vor über einem Jahr wurde die Idee zu einer „Ganga-Himalaya-Yatra“, zu einer Pilgerreise im Himalaja entlang des Ganges, geboren. Zwei Tage nach unserer Reise versuche ich nun erste Gedanken zu Papier zu bringen. Das ist nicht ganz so einfach. Ich fühle mich noch unsortiert, denn die Fülle der Eindrücke und Erfahrungen war einfach überwältigend… 

Die Yatra – Tour: Delhi+++Rishikesh (356 m)+++Dharali (2575 m)+++Treck zu den sieben Seen (ca. 3000 m)+++Gangotri mit Gangotri-Tempel (3048 m)+++Treck nach Bhojbasa (3792 m)+++Treck zur Gangesquelle Gaumukh (3892 m)+++Treck zurück nach Gangotri (3048 m)+++Uttarkashi+++Rudraprayag (610 m)+++ Triyugi Narayan mit Sri Triyuginarayan Tempel (1982 m)+++Gaurikund (1980 m)+++Treck zum wichtigsten Shiva-Tempel Indiens dem „Shivmandir“ in Kedarnath (3584 m)+++Treck zurück nach Gaurikund (1980 m)+++Rudraprayag (1310 m)+++Treck zum Deoria-See (ca. 2000 m)+++Dugalbitta (2360 m)+++von Chopta (2700 m) Treck zum höchst gelegenen Shiva-Tempel der Welt, dem Tungnath-Tempel (3800 m) und zum Gipfel des Chandrachila (4090 m)+++Rudraprayag (610 m)+++Rishikesh (356 m)+++ Delhi

Für 11 Yoga-Praktizierende begann am 3. Oktober unsere Reise. Sie führte uns von Delhi über abenteuerliche Straßen (225 km in 10 Stunden) zunächst nach Rishikesh am Fuße des Himalaya. Zwei Tage nutzten wir zum Ankommen, Umstellen, für Yoga, Spaziergänge am Ganges und Massagen. Dann fuhren wir in Jeeps viele Stunden über kurvenreiche Straßen in den Himalaya hinein (aus 9 geplanten Stunden werden auf Indiens Straßen schnell mal 12…) zur ersten Station unserer Yatra und unternahmen am nächsten Tag eine erste kleine  Übungstour zu den sieben Seen von 2575m auf knapp 3000 m. Das Herz schlug schon noch etwas schneller beim bergauf gehen in dieser Höhe. Belohnt wurden wir mit einer herrlichen Sicht auf die umliegenden 7000er. Während der gesamten Reise hatten wir bestes Wetter und dadurch traumhafte Sichten in die bezaubernde Bergwelt.

Ein nächstes Ziel war für uns Gangotri (3048 m), ein wichtiger Pilgerort am Ganges. Vor langer Zeit befand sich hier die Hauptquelle des Ganges. Inzwischen ist der Gletscher sehr geschmolzen, sodass unser Ziel, die Quelle des Ganges zu erwandern, anstrengender geworden ist. Von Gangotri aus machten wir uns in aller Frühe auf den Weg in den sehr gepflegten Nationalpark.  Ein schmaler Pfad führte uns in die Höhe. Tief unten begleitete uns „Bhagirathi“, der wilde Hauptquellfluss des Ganges. Die Wege sind nicht so ganz ohne. Achtsamkeit und Kameradschaft waren gefragt. Mehrmals gefährdeten uns Steinschläge, von Tieren ausgelöst. Bäche mussten auf schwankenden Bohlen überquert werden. Das fiel mir besonders schwer. Aber auch hier konnten wir schönste Ausblicke auf schneebedeckte Berge vor blauem Hintergrund bewundern, was sofort die Mühen des Aufstiegs vergessen ließ.

Am späten Nachmittag waren wir im Basislager Bhojbasa auf 3792 m angekommen - umgeben vom gewaltigen Panorama des Hochhimalaya. Hier verbrachten wir bei Minusgraden eine kalte Nacht in einfachen Mannschaftszelten. Am frühen Morgen hatten wir die letzte Etappe zum „Gaumukh“ auf 3892 m vor uns. Als „Gaumukh“ (auf deutsch Kuhmaul oder Kuhgesicht) bezeichnen die Inder jenes Quellloch in der Zunge des Gangotri-Gletschers, aus dem die Hauptquelle des Ganges entspringt. Jeder Hindu möchte einmal im Leben nach Gaumukh pilgern. Wir waren zum Ende der Pilgerzeit dort, sodass wir fast unter uns waren und unsere Ankunft ganz unterschiedlich feiern konnten - die einen mit einem kleinen, ausgelassenen Bad im eiskalten Wasser, die anderen eher meditativ oder mit einem kleinen Ritual. Hier beginnt der heiligste Fluss Indiens (liebevoll Ganga und Mutter genannt) seine etwa 2500 km lange Reise. Nach hinduistischer Auffassung können sich die Menschen mit einem Bad in ihm von all ihren Sünden befreien. Ich aber genoss einfach nur die traumhafte Landschaft und gute Atmosphäre an diesem Platz. Natürlich nahm ich „heiliges“ Wasser und einige kleine Steine von der Quelle mit. Über Bhojbasa ging es dann insgesamt 22 km immer bergab zurück nach Gangotri, das wir in der Dämmerung gegen 18.00 Uhr erreichten. Auch dieses Mal blieben uns Steinschläge nicht erspart. Ich fiel nur noch ins Bett und verzichtete auf das späte Abendessen.

Ein anderer Tourenabschnitt begann mit einer Veränderung, da ein Brückeneinsturz infolge eines durch den Monsun verursachten Erdrutsches die ursprünglichen Pläne durchkreuzte. Um unser nächstes großes Pilgerziel, den Tempel von Kedarnath zu erreichen, mussten wir zunächst erst einmal eine lange, kurvenreiche Fahrt auf holprigen, staubigen Straßen in unseren Jeeps  überstehen. Wir umrundeten zahlreiche Berge und hatten phantastische Sichten auf die grünen Täler und Höhen. Jetzt begleitete uns in der Tiefe der Mandakini, ein weiterer wichtiger Quellfluss des Ganges, der in Kedarnath entspringt. Eine Zwischenetappe war das kleine alte Bergdorf Triyugi Narayan, das wir zu Fuß nach einem steilen Aufstieg erreichten. Es ist terrassenförmig angelegt, seine Lage ist malerisch. Es ist umgeben von viel Grün und terrassierten Reisfeldern. Von oben eröffnete sich wieder der Blick in die Berge des Himalayas. Uns begegneten hier, wie überall, sehr freundliche Menschen, die uns mit „Namasté“ begrüßten und einige Fragen stellten. Besonders auffallend bei diesen Begegnungen war, dass die Menschen einem offen und aufmerksam in die Augen schauten. Die vielen Kinder folgten uns fröhlich, neugierig und unaufdringlich. Wir sahen viele fleißige Frauen, die mit dem Dreschen von Reis per Hand, Reinigungsarbeiten oder dem Tragen von riesigen, schweren Bündeln mit Reisstroh beschäftigt waren. Viele Männer saßen derweil in den kleinen Kiosken bei Getränken und Gesprächen. Da regte sich mein Gerechtigkeitssinn trotz „andere Länder, andere Sitten“.

Den nicht nur geografischen Mittelpunkt des Dorfes bildet ein mehrere Tausend Jahre alter Tempel, in dem vor langer Zeit die Götter Shiva und Parvati geheiratet haben sollen. Aus diesem Grunde wird dort seit ca. 5000 Jahren das Feuer am Brennen gehalten - eine ewige Flamme. Alle Tempelbesucher, auch wir, bringen deshalb Holz mit, z.T. riesige Scheite. Während unseres Tempelbesuches wurde für uns eine Puja abgehalten - ein feierliches hinduistisches Ritual, bei dem der Priester heilige Mantren rezitiert bzw. singt. Zur Freude der indischen Tempelbesucher haben auch wir einige Lieder in ihrer Sprache gesungen. Unser sehr, sehr einfaches Nachtlager (wie meist beim Treck) befand sich unmittelbar neben dem Tempel, sodass wir am nächsten Morgen gut geräuchert erwachten. Mit den Jeeps ging es nach Gaurikund (1980 m).

Hier konnte man sich entscheiden, ob der Aufstieg nach Kedarnath (3584 m) zu Fuß, zu Pferde oder per Sänfte erfolgen sollte. Ich entschied mich, der Kraft meiner eigenen Beine zu vertrauen. Im Gegensatz zu dem sauberen Weg im Nationalpark nach Gaumukh war dieser Weg sehr durch die „Abfallprodukte“ der Pferde und jede Menge Müll verschmutzt. Ich beschloss, mich auf die freundlichen Menschen zu konzentrieren. Indien beschert immer wieder ein Wechselbad der Gefühle. Für eine Pause setzten wir uns auf eine Bank. Es dauerte nicht lange, da saßen uns einige Frauen gegenüber, die uns freundlich anlachten und mit uns ins Gespräch kommen wollten. Und natürlich wollten sie auch mit uns fotografiert werden. Diese Offenheit und fast kindliche Neugierde begegnete uns ständig. Mir war auch ein Rätsel, wie es die Sänftenträger bei dem steilen Weg und zu tragendem Gewicht hinbekamen, mit einem Lächeln und blitzenden Augen zu grüßen. Gegen Abend kamen wir in Kedarnath an.

Am nächsten Morgen um 7.00 Uhr besuchten wir den wichtigsten Shiva-Tempel, ein Heiligtum, zu dem Inder hinduistischen Glaubens einmal im Leben pilgern möchten. In der Pilgerzeit stehen die Pilger aus aller Welt oft kilometerweit an, um in den Tempel zu gelangen. Auch hier erlebten wir wieder das feierliche Ritual einer Puja. Der Tempel ist von einer malerischen Kulisse vieler fast 7000er umgeben, der höchste von ihnen ist der Sri Kedarnath (6940 m). Wir hatten wieder das große Glück, die Schnee- und Eisbergwelt vor dem Hintergrund eines tiefblauen Himmels zu sehen. Und der Mandakini ist hier vor dieser herrlichen Kulisse schon ein temperamentvoller, breiter Bach.

Ich merke gerade, die Worte reichen nicht aus, um diese einmalige Landschaft zu beschreiben. Ich bin glücklich, sie gesehen zu haben. Wie mag es da erst den Bergkletterern ergehen, die sich ja in ganz anderen Höhen bewegen. In einem idyllischen kleinen Bergkessel auf 2360 m Höhe befand sich in Duglabitta unsere letzte Treckingunterkunft. Hier feierten wir gemeinsam mit unserer indischen Begleitmannschaft Diwali, das hinduistische Lichterfest, das für Inder so bedeutsam ist, wie für uns Weihnachten. Die Ankündigung der Nacht als letzte sehr kalte Nacht des Treckings hat sich zum Glück nicht bewahrheitet, denn es waren immerhin noch etwa 8°C. Die starken Temperatur- und Höhenschwankungen hat die ganze Gruppe erstaunlich gut verkraftet. Am letzten Tag des Treckings stand ein echter 4000er Gipfel auf unserem Plan. Bisher waren wir immer knapp darunter und hatten nie ein Gipfelerlebnis, da wir uns „nur“ am Fuße der 7000er bewegt haben. Ab Chopta galt es, in nur etwa 6 km 1300 Höhenmeter zu überwinden. Es ging also für meine Verhältnisse recht steil bergauf. Nach etwa 2 Stunden kamen wir bei dem auf ca. 3900 m höchstgelegenen Shiva-Tempel, dem Tungnath, an. Nach kurzer Verschnaufpause machten wir uns auf den Weg zum Gipfel. Die Sonne schien, der Himmel war blau, trotzdem hielten sich die umliegenden 7000er etwas bedeckt, was der euphorischen Stimmung keinen Abbruch tat. Wir waren alle sehr glücklich, dort oben gut angekommen zu sein und genossen den wunderbaren Rundblick. Britta, eine der Yatra-Teilnehmenden, rezitierte für uns einen Puja-Text in Sanskrit. Natürlich haben wir am 4000er-Schild auch ein Gruppenfoto gemacht. Die Gruppe und auch unsere deutsche Reiseleitung von „Magic India Tours“ waren sehr angenehm. Das Gleiche darf ich von der indischen Reiseleitung und Begleitmannschaft behaupten.

Wir verbrachten noch ein paar ruhigere Tage in den tieferen Regionen des Himalayas in Rudraprayag und in Rishikesh, in denen für mich das Praktizieren von Yoga, Atemtechniken und Meditationen aber auch das Erleben und Genießen des indischen Alltags wichtig waren. Ich bin sehr froh, diese Reise gemacht zu haben. Sie war sehr, sehr schön, aber auch sehr anstrengend. Körperlich habe ich alles erstaunlich gut verkraftet. Die Erfahrungen und Erlebnisse auf geistig-seelischer Ebene sind noch längst nicht verarbeitet. Ich würde mir wünschen, dass ich das Urvertrauen, die Gelassenheit und die Achtsamkeit, die ich in Indien gespürt habe, noch stärker in meinen Alltag integrieren kann. Und ich würde mich freuen, wenn es hier einen so freundlichen und friedlichen Umgang der Menschen miteinander geben würde, wie ich es in Indien erlebt habe.

Susanne Karafiat